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Rückblick: Lothar Noetzel – eine Legende im Eintracht-Tor

Aus der Sicht von Ralf Wilke

In der 100-jährigen Vereinsgeschichte der Handball-Abteilung hat es viele großartige Erfolge gegeben. Besonders die Torhüter hatten daran sehr oft einen großen Anteil. Mit Fug und Recht kann konstatiert werden, dass manch ein Torwartkamerad so im Verein Legendenstatus erlangt hat. Eine dieser Legenden ist Lothar Noetzel, der an dieser Stelle näher vorgestellt werden soll.

Lothar Noetzels Biografie geht zurück bis in die Zeit der Nachkriegswirren des 2. Weltkrieges.

Am 5. Mai 1932 in Hagen geboren, wurde er zusammen mit seiner Mutter während des Krieges aus Schutz vor Bombenangriffen ins Sudetenland evakuiert. Meine Mutter, Bruder Gustl und meine Wenigkeit hielten uns aus denselben Gründen in Tschechien auf. Nach Kriegsende am 8. Mai 1945 wurden alle Deutschen von den Behörden aufgefordert, das Land unverzüglich zu verlassen. Unsere Väter waren nur wenige Monate vor Kriegsende an der Ostfront in Russland gefallen.

So wurde ein Treck zusammengestellt mit dem Ziel, überwiegend zu Fuß das Ruhrgebiet und damit auch Hagen zu erreichen. Mit einem Leiterwagen und nur wenigen Habseligkeiten machten wir uns auf den mühseligen Weg zurück nach Hagen. So lernte ich als damals 6-Jähriger den gerade 13 Jahre alt gewordenen Lothar Noetzel kennen.

Alte Fußballschuhe aus der Mülltonne

Unsere Mütter hatten alles selbst organisiert. In einer Lagebesprechung, in der sich Lothars Mutter Klara stark engagierte, wurde die tägliche Marschroute festgelegt. Auch verschiedene Aufgaben innerhalb des Trecks wurden vergeben. Da meine Mutter und ich uns um das Ziehen der Leiterwagen kümmern mussten, wurde Lothar gebeten, den Kinderwagen mit dem gerade 15-monatigen Bruder Gustl zu schieben. Auch um das abendliche Fläschchen mit einem Brei kümmerte sich Lothar Tag für Tag.

Dennoch fanden wir beide bei kleineren Aufenthalten auch Zeit, die nähere Umgebung zu erforschen. Bei einem dieser Ausflüge stöberte ich in einer Mülltonne und fand ein Paar alte Fußballschuhe. Da ich keine Verwendung für den Fund hatte, der mir überdies viel zu groß war, habe ich sie Lothar überlassen.

Nach dreieinhalb Wochen erreichten wir Mitte August 1945 nach großen Strapazen unsere Heimatstadt Hagen. Nun trennten sich unsere Wege, bis ich 1953 durch einen Zufall wieder auf Lothar aufmerksam wurde. Ich war inzwischen 15 Jahre alt geworden und spielte seit fünf Jahren in einer Schüler-Mannschaft beim VfL Eintracht Handball. An einem Sonntag kam es während des Mittagessens mit meiner Mutter zu einem richtungweisenden Gespräch. An diesem Sonntagvormittag nämlich hatte auf dem Höing ein Städtevergleichskampf zwischen einer Stadtauswahl Hagen und der Stadtauswahl Wien stattgefunden. Ich wohnte dem Spiel als Zuschauer bei, weil auch einige Eintracht-Spieler in der Hagener Auswahl mitwirkten. In diesem Zusammenhang erzählte ich vom Hagener Torwart Noetzel, den ich aus Presseberichten kannte. Meine Mutter wurde hellhörig und fragte mich, ob besagter Lothar Noetzel vielleicht aus Delstern kommen würde. Als ich das bejahte, wurde uns klar, dass es sich um jenen Lothar Noetzel handelte, der zusammen mit uns aus Tschechien nach Hagen geflüchtet war.

Lothar hatte sich in den Nachkriegsjahren der Jugendabteilung von Fichte Hagen angeschlossen und trug in dieser Zeit tatsächlich die seinerzeit von mir gefundenen Fußballschuhe. Mit gerade einmal 18 Jahren wechselte er zum TV Delstern, in dessen Stadtteil er auch seinen Wohnsitz hatte. Dort hütete er bis zum 31. Lebensjahr sehr erfolgreich das Tor.

Der sprunggewaltige Torhüter von der „Kuhweide“

Die sportliche Heimstätte, die so genannte „Kuhweide“, war mit dem Namen des sprunggewaltigen Torhüters Noetzel untrennbar verbunden. Schnell wurden auch Trainer von Auswahlmannschaften auf ihn aufmerksam. Nach diversen Lehrgängen der Stadtauswahl folgte die Berufung in die Westfalenauswahl. Das weckte bei umliegenden Vereinen Begehrlichkeiten, schließlich hatte sich Lothar auch bei Kleinfeldturnieren und später im Hallenhandball bewährt.

So begann die Zeit, in der im Sommer Feldhandball gespielt wurde, im Winter aber Hallenhandball. Manchmal lagen nur ein bis zwei Wochen dazwischen, so dass die Umstellung naturgemäß schwerfiel. Besonders die Torhüter hatten unter den unterschiedlichen Anforderungen zu leiden. Nicht so Lothar Noetzel, der sich im Hallentor immer pudelwohl fühlte.

Das war beim VfL Eintracht Hagen anders, hier schwächelten die Torhüter ein ums andere Mal im Hallentor. So war es nicht verwunderlich, dass sich der Vorstand intensiv mit der Personalie Lothar Noetzel beschäftigte und ihn letztlich zu einem Wechsel zur Eintracht bewegen konnte. Ab dem Frühjahr 1963 wurde Lothar Vereinsmitglied – mittlerweile zwar 31 Jahre alt, aber auf dem Höhepunkt seiner sportlichen Schaffenskraft. Er hütete das Tor der 1. Mannschaft in der Halle und auf dem Feld. Auf dem Feld spielten wir in der Spitzengruppe der Oberliga, in der Halle wurden wir mit Lothar Südwestfalenmeister und stiegen 1970 über die Oberliga bis in die Regionalliga auf.

Unverzichtbares Engagement in der Handball-Abteilung

Aber Lothar hatte auch neben seinem aktiven Torwartspiel eine Menge guter Eigenschaften, die für eine Handball-Abteilung unverzichtbar waren. So trat er direkt nach Beginn seiner Mitgliedschaft dem damaligen Spielausschuss bei und engagierte sich in fast allen Mannschaften der Jugend und der Senioren mit Leidenschaft als Torwarttrainer. Viele unserer Trainer unterschrieben nur ihre Verträge, wenn gewährleistet war, dass Lothar dem Betreuerteam angehörte.

Auch im Scouting machte er sich im Laufe der Jahre einen Namen, bewies ein gutes Auge für Talente. Entsprechend hoch war der Stellenwert seiner Meinung. Im Rahmen einer Sichtung entdeckte er den damals jungen Björn Minzlaff für die Eintracht. Schiedsrichter, die bei den Heimspielen in der Ischelandhalle angesetzt waren, wurden von ihm empfangen, betreut und verabschiedet. Dies alles wäre ohne die Unterstützung seiner Ehefrau Inge und die unerschütterliche Loyalität Lothar Noetzels zu seinem Verein nicht möglich gewesen.

 

 

 

Ehrungen und Besonderheiten

  • Am 5. Mai 2021 feiert Lothar Noetzel seinen 89. Geburtstag und blickt auf eine Mitgliedschaft von 58 Jahren zurück.
  • Auch mit der Goldnadel des VfL Eintracht Hagen wurde er ausgezeichnet.
  • Anlässlich des Jubiläums im Jahr 2011 wurde ihm die höchste Auszeichnung der Handball-Abteilung zuteil, die Verleihung des „Goldenen Handballs“.

  • Weitere bedeutende Auszeichnungen waren die Goldene Ehrennadel des Handballverbandes Westfalen und die Silberne Ehrennadel des Westdeutschen Handballverbandes.
  • Bei jeder sich bietenden Gelegenheit stellte sich Lothar Noetzel auch im gesetzteren Alter noch zwischen die Pfosten. Das Tor der 5. Mannschaft hütete er noch mit über 60 Jahren.

  • 1996 gehörte er zu den Mitbegründern der Handball-Wandergruppe.

 

 

Lothar Noetzel und seine Philosophie vom Torwartspiel

Lothar Noetzel hatte eine ebenso besondere wie außergewöhnliche Auffassung vom Stellungsspiel eines Torhüters. Generationen junger Keeper haben sich unter seiner fachkundigen Anleitung weiterentwickelt.

Vor allem das Noetzel’sche Stellungsspiel bei Würfen von den Außenpositionen ist in die Geschichte eingegangen. Lothar nagelte mit seinem Körper die kurze Ecke derart zu, dass es für die Angreifer nahezu unmöglich war, ihn hier dennoch zu passieren.

Diese Erkenntnis gab er bei jeder sich bietenden Gelegenheit an junge Nachwuchstorhüter weiter. Derlei Lehrstunden konnten auch schon einmal im Rahmen einer Mannschaftsfahrt am Strand von Mallorca stattfinden. Selbst bei einer nächtlichen Heimkehr auf Hotelzimmer musste bisweilen der Türrahmen für seine anschauliche Demonstration herhalten.

Kurz gesagt: Lothar Noetzel war vom Torwartspiel geradezu besessen – im durch und durch positiven Sinne, versteht sich. Das führte dazu, dass seine Meinung bei der Beurteilung eines Torhüters auch heute noch einen hohen Stellenwert besitzt.

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