Es ist eine Premiere: Zum ersten Mal betritt Caio Pogorzalski die Hagener Innenstadt, es geht ins Café Bar Celona. Pogorzalski bestellt eine Cola – dann kann es losgehen. Der aus Bremen stammende 20-Jährige, Fan des dort ansässigen Fußball-Bundesligisten Werder Bremen, ist gerade erst aus der Hansestadt in die Volmestadt gezogen. Am Nebentisch sitzt ein Gast im Trikot des FC St. Pauli. Ein schlechtes Omen? „Nein. Werder und St. Pauli haben eine Fanfreundschaft“, sagt Pogorzalski und fügt an: „Ein HSV-Trikot wäre deutlich schlimmer.“
Fast die Hälfte aller Werder-Heimspiele hat er besucht in der vergangenen Saison – auch ohne Dauerkarte. Aufgrund der Vielzahl an NRW-Clubs in der Bundesliga und der neuen räumlichen Distanz zu Bremen würde Pogorzalski in der kommenden Spielzeit gerne mal auswärts im Fanblock stehen. Das sollte klappen. Sein Lieblingsspieler? „Jens Stage. Der macht unser ganzes Spiel. Ohne den würde es sehr schwer werden.“ Die aktuelle Diskussion im Werder-Umfeld: Eine Rückkehr von Stürmer Niclas Füllkrug? Lehnt Pogorzalski ab, ist ihm aufgrund des Alters des inzwischen 33-Jährigen zu riskant.
In Habenhausen, einem Ortsteil von Bremen, aufgewachsen, absolviert der Linkshänder im vergangenen Jahr sein Abitur an einer Sportschule. Sowohl morgens als auch abends steht dabei vor allem eines auf dem Stundenplan: Handball. Zusätzlich müssen weitere Sportarten belegt werden. Pogorzalski entscheidet sich für Judo und Schwimmen. Dabei genießt er die sportliche Vielfalt an seiner Schule: „Das Schöne ist, dass man viele verschiedene Sportler aus allen Sportarten kennenlernt.“ Schwimm-Olympiasieger Florian Wellbrock etwa ging auf dieselbe Schule.
Das WM-Spiel Deutschland gegen Ecuador sieht Pogorzalski sich mit Freunden in einer Kneipe an der Weser an. Aber auch die Tour de France, die Darts-WM zu Weihnachten, Tennis-Major-Turniere, Biathlon oder die Leichtathletik-WM gehören für den 1,83 Meter großen und 80 Kilogramm schweren Rückraumspieler zum Pflichtprogramm. „Ich interessiere mich für fast alles im Sport. Sobald irgendwo ein großes Sportereignis ist, gucke ich das“, sagt er. Auffällig: Dem Bremer ist in seinen Erzählungen stets ein Lächeln ins Gesicht geschrieben.
„Man sieht mich sehr selten nicht lächeln. Das ist Fluch und Segen zugleich, manche mögen das falsch interpretieren, wenn sie mit meiner Art nicht umgehen können“, so Pogorzalski, der auch Ehrgeiz und Teamfähigkeit zu seinen Stärken zählt. Nach seinem Abitur absolviert der Youngster ein Freiwilliges Soziales Jahr an einer Grundschule. Dabei arbeitet er mit Kindern mit Trisomie 21 zusammen. Dabei sammelt er einige prägende Erfahrungen: „Das FSJ hat mich in verschiedenen Bereichen weitergebracht.“ Die Teamarbeit mit Sonderpädagogen, die Hygieneüberwindung beim Nasenputzen und die Geduld beim Bildermalen zählen dort zu Pogorzalskis Alltagsaufgaben. Bereits sein älterer Bruder absolvierte thematisch dasselbe FSJ.
Nun steht ein neuer Lebensabschnitt vor der Tür: der erste Auszug aus dem Elternhaus, die neue Aufgabe VfL Eintracht Hagen. Mit seinem neuen Nachbarn und Teamkollegen Lorenz Ricker trainierte Pogorzalski bereits zusammen im Stützpunkt. Zudem wohnt Linkshänder-Kollege Phillip Sekowski in der Nachbarschaft, was den Einstieg in ungewohnte Gefilde erleichtert.
Auch von den Eintracht-Verantwortlichen um Geschäftsführer Sebastian Schneider und seinem neuen Trainer Valentin Schmidt bekommt er die Unterstützung, die es braucht. Was wird ihm in der ersten eigenen Wohnung alleine am schwersten fallen? „Wäsche zu waschen, sehe ich als kein großes Problem an. Aber alles zu timen, einkaufen zu gehen und sich nach dem Training 45 Minuten in die Küche zu stellen und gut zu kochen, statt zur Tiefkühlpizza zu greifen" – das hat das Zeug zur Herausforderung. An der Ruhruniversität Bochum möchte Pogorzalski ein Lehramtsstudium beginnen, die Fächer: Mathematik und – natürlich – Sport. Im September steht der sportliche Eignungstest an, für den er bereits jetzt regelmäßig zum Schwimmtraining geht.
Neben dem Handball hat Pogorzalski eine weitere Leidenschaft: Skifahren. Seit seinem dritten Lebensjahr tauscht er mindestens dreimal im Jahr die Handballschuhe gegen die Skischuhe. Dabei ist er ein Naturtalent: „Ich war nie in der Skischule, sondern habe zwischen den Beinen von Papa gelernt oder mich am Stock festgehalten.“ Dabei geht die Reise stets ins benachbarte Österreich. Zu Ostern nach Sölden, im Dezember ist eine Fahrt mit Freunden nach Kitzbühel geplant. Ob der dreifache Skiurlaub mit den neuen Verpflichtungen noch zu vereinen ist, bleibt abzuwarten. „Vielleicht läuft es eher auf ein bis zwei Mal im Jahr hinaus.“ Den Großteil seiner Urlaube verbringt er weiterhin auf Skiern. Vor acht Jahren erlernte er das Snowboarden, das zumindest für einen Tag ebenfalls nicht fehlen darf, „aber Skifahren macht deutlich mehr Spaß“, stellt er klar.
Auf dem Handballfeld hingegen fühlt sich Caio Pogorzalski im rechten Rückraum wohl. Bis zur B-Jugend spielte der Linkshänder ausschließlich auf Rückraummitte. Aus der Not heraus rückte er nach rechts. Gegen die Außenposition wehrt sich Pogorzalski lange – nicht spannend genug… Auch wenn er auf dieser Position beim ATSV Habenhausen in den letzten Spielzeiten in der 3. Liga trotzdem eingesetzt wird, ist seine spielerische Identität klar: „Ich mag es, ins Spiel einzugreifen, das Spiel mitzulenken und mitzugestalten.“ Stumpf den Ball bekommen und unüberlegt abschließen? Das spricht gegen die Philosophie des neuen U23-Akteurs. Genau diese Lebensfreude, die Caio Pogorzalski neben der Platte versprüht, spiegelt sich ebenso in der Spielfreude auf dem Feld wider…










