Reflektierter Kaffee-Liebhaber: Lars Genz ist aus Erlangen nach Hagen gewechselt.

Auf einen Kaffee mit... - heute: Lars Genz

„Mir taugt das: Sonne, Kaffee und mit Freunden ein bisschen Karten spielen“, sagt Lars Genz, der sich selbst auch scherzhaft als „Kaffee-Nerd“ bezeichnet. Die Serie „Auf einen Kaffee mit …“ trifft bei Genz, der eine eigene Siebträger-Maschine besitzt, also genau den richtigen Nerv. Bei einem „Flat White“ im Café „Pottblümchen“ berichtet der 19-Jährige über das Leben in Mittelfranken, Psychologie im Sport und seine Spielphilosophie.

„Ich bin ein verwurzelter Franke“, sagt Genz über sich selbst. Der Umzug des gebürtigen Nürnbergers an den Rand des Ruhrgebiets war deshalb sehr wohl eine kulturelle Umstellung für den Neuzugang. Von seinen fränkischen Lieblingsgerichten wie „Drei im Weggla“ (drei Nürnberger Rostbratwürstchen im Brötchen) oder einem Schäufele (Schweinebraten aus der Schulter) gibt es in der Volmestadt keine Spur. Stattdessen wurde ihm ein Taxiteller oder eine Currywurst-Pommes empfohlen...

Doch das war nicht einmal der größte Kulturschock für Genz: „Diese ganzen Blitzer... Da muss ich aufpassen, ich bin noch in der Probezeit.“ Geblitzt wurde er glücklicherweise noch nicht. Ein Besuch auf der Cranger Kirmes oder der Düsseldorfer Rheinkirmes? „Ich kann das Wort Kirmes nicht hören. Für mich ist das eine Bergkirchweih“, stellt Genz klar – die Erlanger Bergkirchweih, vergleichbar mit dem Oktoberfest, ist für ihn das Heimat-Highlight des Jahres. Dafür gibt es hier Karneval: Fasching, wie es auf Fränkisch heißt, wird im Süden bei Weitem nicht so groß gefeiert wie hier. Man merkt Genz seine große Heimatverbundenheit an. „Das Leben hier ist anders. Die Menschen hier sind dafür viel offener und herzlicher“, kann der U19-Weltmeister von 2025 dem Ruhrgebiet auf den ersten Eindruck auch etwas Positives abgewinnen.

Sein ganzes Leben hat der 1,87 Meter große und 91 Kilogramm schwere Rechtshänder bisher in Nürnberg verbracht, das bayerische Abitur mit 1,2 überdurchschnittlich gut gemeistert. Schule und Profisport unter einen Hut zu bringen, war alles andere als einfach. Als fester Bestandteil des 16er-Kaders von Bundesligist HC Erlangen in der letzten Spielzeit, die Genz‘ erstes Herrenjahr bedeutete, war sein Alltag stets turbulent. „Ich bin morgens teilweise um 7 Uhr aus dem Haus und erst um 22 Uhr nach Hause gekommen. Dann willst du einfach nur in dein Bett, aber das gehörte dazu“, schildert Genz. Vormittags ging es in die Schule, nachmittags in die Halle. Die Krafteinheit der Profis, die vormittags stattfand, musste er außerplanmäßig nachholen – schulische Fehlzeiten durch Auswärtsfahrten inklusive.

Dabei kam Anfang des Jahres eine große Belastung für den Rechtshänder hinzu, nachdem er sich im Training das linke Handgelenk brach. Eine prägende Zeit, wie Genz berichtet: „Es war eine mental taffe Zeit, in der ich viel über mich selbst lernen durfte. Ich kannte das Gefühl von 100 auf 0 nicht. Egal wie nervig so eine Zeit ist, da habe ich gelernt, wie wichtig es ist, genau dann dran zu bleiben.“ Beim Gang in die Reha halfen ihm vor allem seine Mutter und sein Bruder. Zudem arbeitete er jeden Tag mit Physiotherapeutin Liv zusammen, der Genz nicht dankbar genug sein kann: „Ohne sie hätte ich das wahrscheinlich nicht durchgestanden. Umso glücklicher bin ich, jetzt wieder Handball spielen zu können.“

18 Bundesliga-Einsätze hatte Genz vor der langen Verletzungspause zu verzeichnen. Doch nicht in jedem Spiel bekam er Einsatzzeiten. „Auch von 60 Minuten Bank kann man etwas mitnehmen. Wenn du Profis fragst, wie ihr erstes Jahr im Herrenbereich war, wird niemand sagen, dass es einfach war“, sagt Genz, dessen Motto als junger Spieler stets lautete: „Klappe halten, Kopf runter und durcharbeiten.“ Beeindruckt war Genz von Mitspielern wie dem Isländer Viggó Kristjánsson oder dem Norweger Sander Øverjordet, von denen er viele Tipps mit auf den Weg bekam.

Vor allem für ein Themengebiet interessiert sich der Eintracht-Neuzugang, egal ob auf oder abseits der Platte: die Psychologie. „Es ist ein sehr unterschätztes Feld, weil man da richtig viel rausholen kann. Alleine im Alltag gibt es viele Situationen, wo du merkst, wie viel dein Kopf ausmacht und was es bedeutet, mentale Stärke aufzubauen“, sagt Genz, der in seiner Laufbahn schon viel mit Mentalcoaches zusammengearbeitet hat.

Selbstreflexion gehört für ihn dazu: Wie wirke ich auf andere? Wer bin ich auf dem Feld? „Nach Fehlern nicht zu verkopfen und in der nächsten Situation wieder bei 100 Prozent zu sein, daran kann man viel arbeiten“, sagt Genz. Ein Prozess ohne Abkürzung: „Es ist wie eine Einheit im Kraftraum und wird nicht mit einem Mal besser.“

Trotz seines jungen Alters wirkt der Rückraumspieler bereits sehr reflektiert. In Zukunft könne er sich auch ein Psychologiestudium vorstellen. Sich selbst beschreibt Genz als diszipliniert und vom Grundtypus her rational. „Es gibt immer etwas, was du besser machen und ein Prozent rausholen kannst. Das gehört zur Professionalität, die ich von mir erwarte, dazu, die Extrameile zu gehen und kleine Routinen einzustreuen, die dich über einen langen Zeitraum viel besser machen“, sagt Genz, dessen hoher Anspruch an sich selbst teilweise auch aneckt: „Manchmal ist es zu viel, und es wäre besser, die Füße stillzuhalten.“ Für sein neues Kapitel bei Eintracht Hagen steht die Weiterentwicklung an oberster Stelle. „Ich will besser werden“, betont Genz, dessen handballerische Philosophie er wie folgt beschreibt: „Ein gutes 1-gegen-1 und dann mit viel Kontakt unter Druck eine gute Entscheidung treffen, das wäre mein Wunsch.“ 

Auch privat betrachtet Genz, der sich als Familienmensch sieht, viel aus dem psychologischen Blickwinkel. „Ich finde es faszinierend, wenn man für seinen Sport lebt und sich akribisch vorbereitet“, sagt Genz – Paradebeispiele dafür seien das 24-Stunden-Rennen am Nürburgring oder Langdistanz-Triathlons. Besonders der Motorsport hat es ihm angetan: „Ich finde das Technische sehr spannend, wie es funktioniert und warum.“ Sein sportliches Idol ist Michael Schumacher, dessen mentale Stärke und Resilienz ihm bis heute imponieren. Aktuell drückt er Lewis Hamilton die Daumen.

Grundsätzlich gilt für die Freizeit im Hause Genz: „Hauptsache ein bisschen Action.“ Neben dem Motorsport begeistert er sich für die Natur, speziell für die Berge. Seine Mutter besitzt eine Wohnung im Zillertal, zum Jahreswechsel geht es dort stets zum Skifahren. Ob klettern oder wandern, Genz würde sich immer wieder gegen den Strand und für die Berge entscheiden: „Du kommst an Orte, bist alleine in einer riesigen Felswand und merkst demütig, was du für ein kleines, winziges Nichts bist.“ Gemeinsam mit seiner Mutter ging der letzte Urlaub nach Kapstadt. Statt ans Meer haben die beiden – natürlich – den Tafelberg bestiegen. Auch an freien Tagen präferiert Genz eine „2000-Höhenmeter-Tour“ statt das Entspannen am Strand. Sein Traumreiseziel: Patagonien. Lars Genz – Gedanken versetzen Berge. Selten hat ein Sprichwort passender auf eine Person zugetroffen. Mit seinem Mindset und seiner spielerischen Qualität will der Naturfreund der Eintracht nicht nur in schwierigen Phasen mit Rat und Tat zur Seite stehen.