Hat viel um die Ohren: Eintracht-Neuzugang Tjorven Knackstedt.

Auf einen Kaffee mit... – heute: Tjorven Knackstedt

Im letzten Teil unserer Serie „Auf einen Kaffee mit…“ treffen wir jemanden, der bisher kaum Zeit für einen Kaffee hatte: Neben seinem Umzug nach Hagen und dem damit verbundenen Schulwechsel wurde Tjorven Knackstedt auch noch U18-Europameister. Im Café Pottblümchen berichtet er über die Zeit bei der EM in Serbien sowie über ein bestimmtes Ritual vor jedem Spiel.

Über Langeweile konnte Tjorven Knackstedt sich zuletzt wahrlich nicht beschweren. Nach dem Gewinn der U18-Europameisterschaft stand der Umzug nach Hagen an. Trotz all dieser Termine wirkt Knackstedt tiefenentspannt. „Mir geht’s ganz gut. In Hagen zu trainieren, in der Stadt und in der Mannschaft anzukommen, fühlt sich gut an“, sagt der 18-Jährige. Kaffee hat er selbst noch nicht für sich entdeckt. Doch unserem Serientitel möchte er keinen Abbruch tun, weshalb ein Milchkaffee den Weg auf den Tisch findet.

„So richtig greifen kann man das immer noch nicht, aber ich glaube, das wird auch nie so sein“, sagt Knackstedt. Der Gewinn der nicht lange zurückliegenden U18-Europameisterschaft in Serbien wirkt noch nach. Hinzu kam, dass Knackstedt als bester Torhüter obendrein in das Allstar-Team der EM gewählt wurde. All das sind Erlebnisse, die der gebürtige Bremer sicherlich nie vergessen wird. Und doch folgt nun die Rückkehr zur neuen Tagesordnung. Nach dem Saisonstart mit der U23 in der 3. Handball-Bundesliga wird Knackstedt in Hagen auch sein Abitur absolvieren. Am Fichte-Gymnasium ist der Youngster nach den Sommerferien in sein letztes Schuljahr gestartet. Seine Leistungskurse? „Englisch und Erdkunde – der Klassiker“, lacht Knackstedt, der zudem Mathematik und Deutsch im Abitur meistern muss, aber: „Mathe ist das schlimmste Fach.“ Doch da muss Knackstedt nun durch. Neben Handbällen fliegen ihm künftig also auch Zahlen um die Ohren.

Doch zu den Anfängen: Nur rund 200 Meter vom Weserstadion entfernt, der Heimspielstätte von Fußball-Bundesligist Werder Bremen, ist Knackstedt aufgewachsen. Dort besuchte er dieselbe Sportschule wie der ebenfalls aus Bremen stammende U23-Neuzugang Caio Pogorzalski, beide trainierten früher bereits zusammen. Mit 15 Jahren folgte der frühe Schritt ins Leistungszentrum des VfL Gummersbach.

„Ich wollte immer aus Bremen weg und auf ein Nachwuchsleistungszentrum gehen. Ich habe dann keine Schwierigkeiten mit Heimweh gehabt, sondern hatte von Anfang an richtig Bock darauf“, bewertet der Torhüter den Schritt auch rückblickend als goldrichtig. In einer Wohngemeinschaft habe er in Gummersbach schnell Anschluss gefunden: „In einer WG schließt man Freundschaften fürs Leben. Sie sind mittlerweile wie eine zweite Familie für mich, man hat eine spezielle Bindung.‘‘ Dabei geht Knackstedt sogar noch einen Schritt weiter: „Das war die bisher schönste Zeit in meinem Leben. Ich würde jedem empfehlen, das zu machen.“ Neben den neu aufgebauten Beziehungen – auch seine aktuelle Freundin hat er in Gummersbach kennengelernt – formte ihn die Phase auch charakterlich: „So früh alleine zu wohnen, das hat mich gut aufs Leben vorbereitet.“

Nun also der nächste Entwicklungsschritt nach Hagen, wo er neben seinem Abitur auch den Führerschein meistern will. Und wie tickt der Europameister sonst? Neben dem Handball begeistert sich Knackstedt für American Football, schaut in seiner Freizeit häufig NFL. Wenn nicht gerade die Freundin zu Besuch kommt, verbringt der Keeper auch gerne Zeit alleine. Eine Sache kann Knackstedt nicht leiden: „Meine Wohnung ist generell sauber, ich hasse es, wenn Leute unordentlich sind.‘‘ Hier liegt ein kleiner Pluspunkt im Vergleich zum WG-Leben – über die Ordnung entscheidet er alleine.

Luft nach oben habe er noch beim Thema Ernährung. „Ich möchte ein bisschen besser essen, mich mehr damit auseinandersetzen“, sagt Knackstedt, der auch ein anderes Hobby mehr verfolgen möchte: „Ich lese ab und zu. In nächster Zeit will ich mehr lesen, das habe ich mir vorgenommen.‘‘ In Bremen ist Knackstedt auch gerne ins Stadion zum Fußball gegangen. Ein großer Fan ist er aber nicht: „Ich schaue nur ab und zu auf die Tabelle.“

Ein besonderes Ritual hat der 1,96 Meter große Neuzugang im Eintracht-Gehäuse: Vor jeder Partie hört er einen bestimmten Song – „Ich will“ von Rammstein. „Den feiere ich, der pusht mich einfach“, sagt Knackstedt, der auf der Platte als emotionaler Torwart gilt. Auch das Aufwärmen versucht er immer gleich zu halten. Anderen Aberglauben, wie ihn manch ein Torhüter pflegt, etwa das Berühren des rechten Pfostens vor jedem Siebenmeter, hat er nicht.

Bevor Tjorven Knackstedt aufsteht und das Café Pottblümchen verlässt, gibt es noch eine kurze Anekdote aus der Zeit bei der Europameisterschaft in Serbien. Am Abend des Triumphes feierte die Mannschaft in einem Belgrader Restaurant. Zum ersten Mal gab es dann wieder vernünftiges Essen. „Das Hotelessen war sehr schlecht. Es gab jeden Tag das Gleiche: Nudeln mit Tomatensauce, Reis und zwei Fleischarten, das war’s. Das Highlight war, wenn es Pommes gab.‘‘ Unter diesen Umständen sei es fast unvorstellbar gewesen, wie man dann in den Spielen seine Leistung abrufen konnte, lacht er. Und wie hat der erste Milchkaffee ihm im Gegensatz dazu geschmeckt? „Der war sehr gut.“ Allemal besser als das serbische Hotelessen.