Tragischer Held: Pouya Norouzi ganz allein war es zu verdanken, dass die Eintracht überhaupt noch einmal am Sieg schnuppern durfte, am Ende aber verzog der Anführer der Grün-Gelben hauchdünn, ehe der HC Elbflorenz mit einem abgefälschten "Kullerball" den Sieg einfuhr.

Bluthochdruck-Medikamente ausverkauft in der Ischelandhalle

Was für ein Sportsmann: Nur wenige Minuten nach dem Schlusspfiff der Partie gegen den HC Elbflorenz stellt sich Eintracht-"Leader" Pouya Norouzi den Fragen im DYN-Interview. Das ist vor allem deshalb so bemerkenswert, als der Deutsch-Iraner zuvor in einer an Dramatik nicht zu überbietenden Schlussphase erst quasi im Alleingang dafür gesorgt hatte, dass sein Team überhaupt noch einmal am Sieg schnuppern durfte, am Ende aber zum tragischen Protagonisten wurde. Hätte es einen Verkaufsstand für Bluthochdruck-Medikamente gegeben an diesem Abend in der Ischelandhalle, der betreibende Pharmakonzern hätte unter Garantie "ausverkauft" vermelden müssen, weil wahrscheinlich fast jeder der 1.023 Zuschauer vorbeikommen wäre, um sich einzudecken...


Startaufstellung Eintracht: Pascal Bochmann (TW) - Hakon Styrmisson (LA), Pouya Norouzi (RL), Niclas Pieczkowski (RM), Jan von Boenigk (RR), Pierre Busch (RA), Philip Jungemann (KS)


Aber der Reihe nach: „Never change a winning Team“ - Die Eintracht startete mit der identischen Startaufstellung wie vor sechs Tagen in Kreuztal, fand in der Startphase aber gleich bei drei (!) Großchancen ihren Meister in HC-Keeper Robin Cantegrel. Der Franzose musste neben seinen Primärtugenden zusätzlich einiges an Laufarbeit absolvieren. Denn: HC-Coach André Haber hatte seinem Team über weite Strecken den siebten Feldspieler verordnet, um eine taktische Antwort zu geben auf die bisweilen flexibel-hoch pressende Eintracht-Abwehr. „Eine Stress-Deckung“, wie es Haber im Vorfeld passend formuliert hatte.

Kurzum: Das Momentum der Startphase, es lag einigermaßen deutlich aufseiten der Gäste, die mehrfach leicht aus der Distanz zum Erfolg kamen, während die Eintracht sich doch schwerer tat. 5:8 nach zehn Minuten - das ging in Ordnung. Wenig später nahm Pavel Prokopec bereits seine erste Auszeit. Es galt, nachzujustieren.

Das tat die Eintracht. Das Tempo wurde signifikant erhöht, zudem rückte Maurice Paske für Pascal Bochmann zwischen die Pfosten. Aus einem 4-Tore-Rückstand wurde so relativ schnell ein -1. Kurze Zeit später glich Niclas Pieczkowski für die Eintracht in Überzahl erstmals überhaupt an diesem Abend aus (11:11/17.). Und dann besorgten Pierre Busch und Linus Kutz nach „Monsterwackler“ gar die 13:11-Führung. Dass die zwischenzeitliche 15:12-Führung zur Pause wieder in ein - allerdings leistungsgerechtes - 18:18 gekippt war, durfte getrost als ein Spiegelbild der ersten Halbzeit gedeutet wurde. Eine Spur zu leicht schienen viele Torerfolge der Gäste in der Entstehungsgeschichte, als dass die Grün-Gelben pure Zufriedenheit mit in die Kabine hätten nehmen können.

Ein Doppelschlag von Pierre Busch und Pouya Norouzi zündete direkt nach der Pause binnen weniger Sekunden die mit 1.023 Zuschauern ordentlich besuchte Halle an. Aus einem 18:19-Rückstand der Eintracht wurde so ruckzuck ein 22:19. Nur viereinhalb Minuten nach Wiederanpfiff drückte Dresdens Cheftrainer André Haber den Buzzer, um den Lauf der Eintracht zu unterbrechen. 

Das gelang. Nur zwei Minuten später hieß es 22:22. Und das Kopf-an-Kopf-Rennen ging weiter. Weiter. Immer weiter. Kein Team konnte sich absetzen, hüben wie drüben wurden in der zunehmend intensiveren Auseinandersetzung immer wieder - oftmals sehenswerte - Akzente gesetzt.

Und so war es am Ende die Summe der Nuancen, die möglicherweise den minimalen Unterschied machte. Zum Beispiel die drei vergebenen Siebenmeter der Eintracht. Oder die drei Dresdener Paraden mehr auf der Torhüterposition. Oder die fehlende Eintracht-Konstanz in der Abwehr. Neun Minuten vor dem Ende schien der Gast aus Dresden so beim 32:29 auf die Siegerstraße eingebogen. Wirklich? Nein, natürlich nicht.

Oliver Seidlers dritte Zeitstrafe knapp neun Minuten vor dem Ende, sie ist im Gesamtkontext lange überfällig. Kurz darauf Wechselfehler Elbflorenz. Doppelte Überzahl Eintracht, immer noch 3-Tore-Rückstand. 3:0 gewinnt die Eintracht diese Phase - 33:33 (54.). Letzte Eintracht-Auszeit beim33:35 (56.). Es übernimmt: der Mann, für den die Begrifflichkeit des „Anführers“ quasi erfunden wurde. Dreimal trifft Pouya Norouzi in Serie, deckt überdies beinahe übermenschlich auf der vorgezogenen Position und wird doch zum tragischen Helden. Den finalen Wurf zur Führung nach erfolgreichem Durchbruch verzieht der Iraner um Zentimeter. Auf der Gegenseite trudelt der von Jan von Boenigk unhaltbare abgefälschte Wurf von Sebastian Greß Sekunden vor der Schlusssirene ins Eintracht-Tor. Handball, Du bist so schön. Aber manchmal auch so bitter…


Eintracht: Paske (1 Parade/14 Prozent), Bochmann (9/23) - Düren, Öhler (1), Norouzi (8), Pröhl, Alves, Pieczkowski (3), Voss-Fels (3/4), Jungemann (5), Styrmisson (6/3), Kutz (1), Jukic (2), Richter (1), Busch (4), von Boenigk (2)
Elbflorenz: Mallwitz (5/29), Cantegrel (8/30) - Bensch, Wucherpfennig (4), Petersen Norberg (2), Dierberg (7/6), Pehlivan (4), Preußner (1), Stavast, Greß (6), Stoyke, Dutschke (3), Thümmler (2), Löser (5), Seidler (3)
Schiedsrichter: Matthias Klinke/Sebastian Klinke (Bordesholm)
Zeitstrafen: Eintracht 3, Elbflorenz 5 plus Rote Karte gegen Seidler (52.) nach der dritten Zeitstrafe
Siebenmeter: Eintracht 6/9 (verworfen: Styrmisson/2, Voss-Fels), Elbflorenz 6/6
Zuschauer: 1.023


Pouya Norouzi (achtfacher Torschütze VfL Eintracht Hagen): „Natürlich sind wir enttäuscht. Das war ein knappes Spiel, ein hartes Spiel. Auf der anderen Seite bin ich unheimlich stolz auf die Mannschaft und die Fans, dass wir 60 Minuten lang gekämpft haben. Wir haben zwei Tore zu wenig gemacht. Wenn ich die letzte Aktion reinmache, behalten wir wahrscheinlich beide Punkte hier. Aber manchmal ist das so im Sport: Das tut jetzt gerade weh, aber wir müssen weitermachen. Wir haben ein tolles Team, alle kämpfen füreinander - alleine das motiviert mich unheimlich. Wenn so eine Mannschaft hinter Dir steht, dann bist Du automatisch motiviert…“

Sebastian Greß (Siegtorschütze und Kapitän HC Elbflorenz 2006): „Das war ein harter Fight. Wir haben viele Tore gesehen, ich denke, die Abwehrreihen werden sich im Nachgang nochmal einiges anschauen müssen. Aber gerade im Angriff gab es auf beiden Seiten viele richtig gute Aktionen. Da sind alle Fans auf ihre Kosten gekommen. Wir haben uns vor der Saison vorgenommen, uns nicht aus dem Tritt bringen zu lassen - auch wenn es mal nicht so gut läuft. Heute wurden wir dafür belohnt…“


Noch mehr Stimmen zum Spiel gibt es hier - die Pressekonferenz mit André Haber (HCE) und Pavel Prokopec (Eintracht).