VfL-Fans treffen VfL-Fans: Lübecker und Hagener Anhänger vor dem Spiel am vergangenen Sonntag bei "Humpert am Höing".

VfL und VfL: In den Farben getrennt, in der Leidenschaft vereint

Was mit einem Schal-Tausch und einem gemeinsamen Bier nach dem Auswärtsspiel in Lübeck begann, entwickelt sich zu einer besonderen Fanfreundschaft. Beim Wiedersehen in Hagen zeigen die Anhänger beider Vereine, dass Rivalität und Respekt hervorragend zusammenpassen – und dass Handball oft mehr verbindet als trennt.

Es ist der letzte Sonntag im Mai, und an diesem frühen Nachmittag liegt rund um das bayerische Wirtshaus „Humpert am Höing“ in Hagen jene spezielle Atmosphäre, die einen Heimspieltag des VfL Eintracht Hagen ankündigt. Draußen scheint die Sonne, drinnen riecht es nach leckerem Essen und frisch gezapftem Bier – und an einem langen Tisch sitzen Menschen in Grün-Gelb und in Blau-Weiß beieinander. Keine Provokation, kein Misstrauen. Stattdessen Gelächter. Und der gemeinsame Ruf: „VfL! VfL!“ – ein Schlachtruf, der an diesem Tag gleich zwei Vereine meint.

Was hier passiert, sucht man anderswo oft vergeblich: echte Fanfreundschaft. Zwischen dem VfL Eintracht Hagen und dem VfL Lübeck-Schwartau, zwei Handball-Zweitligisten, die geografisch nicht eben nahe beieinander liegen, hat sich in den vergangenen Monaten eine Verbindung entwickelt, die zeigt, was Sportfans sein können, wenn sie es wollen.

Die besondere Geschichte beginnt kurz vor Weihnachten des vergangenen Jahres, in der Lübecker Hansehalle. Holger Drewicke, einer der Sprecher der „Auswärts dabei“-Gruppe des VfL Eintracht Hagen – kein offizieller Fan-Club, sondern eine lose Gemeinschaft von Menschen mit einer gemeinsamen Leidenschaft –, ist mit rund 40 Gleichgesinnten in den Norden gefahren. Eine stolze Zahl für eine Auswärtsfahrt in die norddeutsche Tiefebene.

„Das war fantastisch, dass so viele mitgekommen sind“, erinnert sich Drewicke. Und es sollte sich lohnen – sportlich eher nicht, aber vor allem neben dem Spielfeld. Schon vor dem Spiel, in der Halbzeitpause und besonders danach entstehen erste Kontakte zu den Lübecker Fans. Die hatten extra für die Adventszeit blau-weiße Weihnachtsmützen aufgesetzt, und irgendwann steht Drewicke vor Heiko, dem Kopf der Lübecker Fanszene, und seiner Frau Melanie. Was folgt, ist ein kleines Ritual, wie es unter Handballfans offenbar ganz selbstverständlich ist: „Ich habe meinen Eintracht-Schal gegen seine Lübeck/Schwartau-Mütze getauscht.“ Kein großes Tamtam, keine Zeremonie – einfach zwei Menschen, die einander respektieren und das symbolisch besiegeln.

Was folgt, klingt fast nach einem Drehbuch: Als der VfL Lübeck-Schwartau einige Wochen später ein Auswärtsspiel in Dormagen absolviert, fahren Drewicke und vier weitere Hagener einfach hin. Nicht um Hagen zu sehen – Hagen spielt gar nicht –, sondern um die neuen Freunde aus dem Norden anzufeuern. „Das war total spaßig“, sagt er, und man glaubt es ihm sofort. Die Lübecker überraschen ihre Hagener Gäste mit einem Geschenk, das mehr über die Ernsthaftigkeit dieser Freundschaft aussagt als jedes gesprochene Wort: selbst gehäkelte Freundschaftsbänder. Für Drewicke und seinen Mitstreiter Atze – den Drewicke als „Fanfreundschafts-Vermittler“ bezeichnet, weil er besonders viel Kontakt nach Lübeck hält – in Grün-Gelb. Die Lübecker tragen ihre in Blau-Weiß. „Unser Erkennungszeichen demnächst“, sagt Drewicke und klingt dabei fast ein bisschen stolz.

Nun also das Rückspiel. Die Lübecker Fans kommen zu zwölft nach Hagen – mehr ist an einem Sonntag vor einem Schultag kaum drin, und einen Bus zu finanzieren, wäre, wie Drewicke trocken anmerkt, „jenseits von Gut und Böse“. Also Privatautos, Fahrgemeinschaften, Leidenschaft. Gegen 14 Uhr treffen die Gäste bei „Humpert am Höing“ ein, dem bayerischen Wirtshaus in der Nähe der Ischelandhalle, das für diesen Tag zur inoffiziellen Botschaft einer Freundschaft wird. Frühlingssonne, gute Laune, das Durcheinander von grün-gelben und blau-weißen Schals, von bayerischer Wirtshauskost und norddeutschen Akzenten.

Auch die Gastgeber haben sich etwas überlegt. Was genau, verrät Drewicke nicht im Detail – nur so viel: Es gibt Gastgeschenke für die Lübecker. Die Gegenseitigkeit des Gebens, das Anerkennen des jeweils anderen: Das sind die kleinen Gesten, aus denen echte Fanfreundschaften bestehen.

Dann die Ischelandhalle. Das Hinspiel hatten die Lübecker noch mit 38:34 für sich entschieden – ein Ergebnis, das den Hagenern zur Erinnerung mitgegeben wurde. Das Rückspiel läuft anders. Der VfL Eintracht Hagen dreht das Momentum auf heimischem Boden und gewinnt am Ende mit 37:33. Jubel auf der einen, Sportlerrespekt auf der anderen Seite – und hinterher vermutlich wieder ein Bierchen zusammen. So ist das eben unter Freunden.

Es wäre zu einfach, das alles romantisch zu verklären. Fankultur kann überall kippen, kann überall giftig werden. Aber die Geschichte des VfL Eintracht Hagen und des VfL Lübeck-Schwartau zeigt, dass es auch anders geht – und dass es dafür kein groß angelegtes Programm braucht, keine Verbandsinitiative, kein Plakat mit dem Slogan „Respekt im Sport“. Es braucht Holger Drewicke, der nach einem Auswärtsspiel noch „ein, zwei Bierchen“ trinkt. Heiko mit seiner blau-weißen Weihnachtsmütze. Eine Frau, die Freundschaftsbänder häkelt. Und Atze, der einfach immer wieder schreibt.

„Wir freuen uns auf jeden Fall immer über gute Kontakte“, sagt Holger Drewicke. Es ist ein Satz, der so simpel klingt, dass man ihn fast überhört. Aber er fasst etwas zusammen, das im Profisport immer seltener wird: die schlichte Freude am gemeinsamen Mitfiebern, jenseits von Ergebnissen, Tabellen und Transferbudgets. Die Fans des VfL Eintracht Hagen und des VfL Lübeck-Schwartau feuern ihre Mannschaften in gegnerischen Farben an – und sind sich trotzdem nah. Oder vielleicht gerade deshalb.