Da ist das Ding: Eintracht-Physiotherapeutin Sabrina Richter mit EM-Trophäe und der Goldmedaille.

EM-Gold: "Das fühlt sich immer noch unglaublich an"

Am Sonntagabend wurde nach einem denkwürdigen Finale der EM-Titel gefeiert, am Montag ging es für die deutschen U19-Handballerinnen zurück in die Heimat, am Mittwoch stand Eintracht- und DHB-Physiotherapeutin Sabrina Richter schon wieder in der Praxis des Therapiezentrums Kappe und kümmerte sich um ihre Patienten. Die Ex-Nationalspielerin und Bundesliga-Torschützenkönigin nahm sich dennoch Zeit für ein Interview und gewährt einen Blick hinter die Kulissen der frischgebackenen Europameisterinnen.

Sabrina, herzlichen Glückwunsch zu Gold-Medaille mit der weiblichen U19-Nationalmannschaft. Wenn Dir jemand vor einem Monat diesen Erfolg vorhergesagt hätte, was hättest Du gedacht bzw. geantwortet?

Sabrina Richter: „Vielen Dank für die Glückwünsche! Wenn mir das vor der EM jemand gesagt hätte, hätte ich natürlich dankend angenommen, hätte aber gesagt, dass es viele andere Mannschaften gibt, die zum Favoritenkreis zählen und dass es ein schweres Stück Arbeit werden würde, den Titel zu holen - und genauso ist es dann ja auch gekommen.“

Wenn Du auf die Zeit in Montenegro zurückschaust: Was waren die besonderen Momente, die bei Dir hängenbleiben werden?

Sabrina Richter: „Da gibt es auf jeden Fall mehrere. Angefangen von ganz untypischen Situationen, wie zum Beispiel die Anreise, das ist bisweilen schon etwas heikel, weil wir mit vielen Leuten und mit viel Material ankommen. Das ist kein normales Reisen, als wenn man in den Urlaub fliegen würde. Da ist viel Sperr- und Übergepäck dabei und sehr spannend, ob wirklich alles mitkommt. Sportlich gesehen natürlich das Erreichen des Halbfinales und des Finales und dann, dass wir es wirklich geschafft haben, den Pokal zu holen. Das sind Erfahrungen und Momente, davon zehrt man unheimlich lange. Nicht zu vergessen auch der Zusammenhalt im Team, die Ups und Downs - das alles ist in der Rückschau etwas ganz Besonderes. Was wir da geleistet haben, war einfach unfassbar gut!“

Nimm uns einmal mit in einen typischen Arbeitstag für Dich bei einem internationalen Turnier. Wie muss man sich das vorstellen?

Sabrina Richter: „Das ist natürlich immer unterschiedlich und hängt vor allem davon ab, ob wir einen Trainingstag oder Spieltag haben. Am Trainingstag ist es so, dass nach dem Frühstück meistens Frühtraining ist, danach Mittagessen und Mittagspause. In der Mittagspause sind dann die Physios am Start und behandeln die Mädels. Nach der Mittagspause ist in der Regel ein zweites Training. Nach dem Abendessen wird oft bis spät in die Nacht hinein behandelt. An einem Spieltag hängt viel von der Anwurfzeit ab. Wenn abends gespielt wird, ist es ähnlich wie am Trainingstag. Frühstück, Training, Mittagessen, Behandlung - und dann geht's los mit der Spielvorbereitung. Also Tapen und so weiter. Dann fahren wir in die Spielhalle, es wird gespielt und abends bieten die Physios wieder Behandlungen an. Wenn sich jemand schwerer verletzt, was zum Glück nicht passiert ist, werden die ‘Akut-Patienten’ an Nummer eins gesetzt und behandelt. In Rücksprache mit dem Arzt, der bei Großturnieren auch immer mit dabei ist. Da wird auch entschieden, ob eine weitere Diagnostik angestrebt wird und die Athletin möglicherweise rausgenommen werden muss. Das war diesmal wie gesagt zum Glück nicht der Fall.“

Du hast in Deiner aktiven Karriere als Bundesliga- und Nationalspielerin und Torschützenkönigin in der 1. Bundesliga selbst jede Menge Erfahrung auf höchstem Niveau gesammelt. Wie wichtig ist das für Dich bei Deiner Tätigkeit? Kannst Du den Spielerinnen Hilfestellungen über rein medizinische Themen hinaus geben?

Sabrina Richter: „Ich zehre in der Tat sehr von meiner eigenen Erfahrung als Spielerin. Aus medizinischer Sicht weiß ich halt ganz genau, wie sich die Verletzungen anfühlen und wie der Körper auf diese maximale Belastung reagiert - weil ich es eben alles selbst aktiv mitgemacht habe. Deshalb habe ich da schon ein großes Wissen und kann mich in die Mädels hineinversetzen, wie sie sich fühlen. Abseits von der medizinischen Ebene weiß ich außerdem, was sich bei solch einem Turnier psychisch tut bei den Spielerinnen, was gerade im Kopf abgeht. Wenn es zum Beispiel bei einer Spielerin mal nicht so gut läuft, weiß ich vielleicht, wo man den Hebel ansetzen kann, was sie besser machen könnte, wie sie damit umgeht. Das sind natürlich alles nur Empfehlungen, aber wir sind in unserer Funktion ja viel mehr, als ‘nur’ die Physios, die am Spielfeldrand sitzen. Die Mädels kommen zu uns und verbringen auch viel Freizeit bei uns im Physioraum. Zwischenzeitlich saßen da sechs, sieben, acht Mädels bei uns im Physioraum, weil sie dort einen Ort der Ruhe und der Zusammenkunft hatten. Wir haben da auch überhaupt nichts gegen - ganz im Gegenteil. Wir finden das total schön, wenn die Spielerinnen uns so viel Vertrauen entgegenbringen und sich auch wohlfühlen bei uns. Außerdem sind wir ja fast schon Hobby-Psychologen und auch für die Stimmung im Team da. Bei uns wird gelacht oder auch mal geweint. Und wenn ein Mädel kommt und niedergeschlagen ist, dann weiß ich, wie sich das anfühlt und kann mit meiner Erfahrung helfen…“

Ein Blick voraus: Viel Zeit zum Ausruhen bleibt für Dich nicht. Du betreust in der neuen Saison nicht nur weiterhin die U23 der Eintracht in der 3. Liga, sondern gehörst auch zum Physio-Team des Therapiezentrums Kappe für das Zweitliga-Team der Eintracht. Was erwartest bzw. erhoffst Du von der Serie 2025/26?

Sabrina Richter: „Etwas zu erwarten, ist in diesem Zusammenhang ein schwieriges Wort. Ich erwarte (lacht) natürlich maximalen Erfolg, bei beiden Teams. Aber das hängt auch davon ab, wie die Mannschaften durch die Vorbereitung und dann auch durch die Saison kommen, vor allem: Treten Verletzungen auf? Als Sportlerin will man immer das Maximale herausholen. Ich hoffe, dass wir mit der U23 schnell den Klassenerhalt schaffen. Mit der 1. Mannschaft natürlich auch, und dass die Jungs vielleicht sogar oben angreifen können. Ich halte das für möglich, wenn man gesehen hat, wie die Mannschaft in der letzten Saison im Endspurt gespielt und gegen manches Spitzenteam gut performt hat. In erster Linie geht es aber in beiden Mannschaften darum, dass die Jungs fit werden, sich gut einspielen und vor allem auch als Team zusammen finden. Das ist so unfassbar wichtig über eine so lange Saison. Wenn der Teamspirit stimmt, können wir einiges erreichen.“ 

...und auf internationaler Ebene? Gibt es ein Traumziel für die nächsten Jahre?

Sabrina Richter: „Natürlich wäre die Weltmeisterschaft mit den Juniorinnen im Sommer 2026 so ein Traumziel. Wenn wir nach der Europameisterschaft auch noch den Weltmeister-Titel holen könnten, das wäre schon etwas. Aber das ist Zukunftsmusik. Da müssen wir erstmal schauen, wie es läuft übers Jahr, wie die Lehrgänge sich darstellen, ob alle Spielerinnen gesund bleiben. Und: Als Europameister hat man sicherlich einen gewissen Druck bei der WM. Aber dem sind wir gewachsen und da hoffe ich schon, dass wir gut aufspielen können und werden. Fernziel wären irgendwann noch einmal die Olympischen Spiele. Das wären dann meine zweiten Spiele, 2008 in Peking war ich ja als Spielerin mit dabei. Und dann - keine Ahnung - 2028 oder 2032 im Staff-Team zu Olympia, das wäre natürlich überragend. Aber das ist noch lange hin. Ich bin jetzt erstmal unheimlich happy, dass wir es geschafft haben, Europameister zu werden. Das fühlt sich einfach immer noch unglaublich an!“