Abschied vom eigenen Publikum. Die Eintracht geht mit einem Sieg und emotionalen Momenten, weil sechs Spieler ab dem Sommer nicht mehr mit dabei sind.

Ein Sieg zum Abschied und mächtig viele Emotionen

Wo anfangen? Wo aufhören? Natürlich war der 37:33-Heimsieg der Eintracht über den VfL Lübeck-Schwartau an diesem Sonntagnachmittag ein gelungener Heimkehraus der Saison 2025/26. Aber so tempo- und torreich die 60 Minuten von beiden Teams auch gestaltet wurden: Noch einmal eine Spur emotionaler wurde es nach dem Abpfiff, als es vor immer noch vollen Rängen hieß, Abschied zu nehmen.


Startaufstellung Eintracht: Pascal Bochmann (TW) - Benedikt Israel (LA), Pouya Norouzi (RL), Linus Kutz (RM), Jan von Boenigk (RR), Pierre Busch (RA), Philip Jungemann (KS)


Ob André Alves, der sich von den Eintracht-Fans vor seiner Rückkehr in die portugiesische Heimat in allerbester Ronaldo-Manier mit einem langgezogenen “Siuuuuuuuu” verabschiedete oder Dennis Wipf, den es zum HC Oppenweiler-Backnang und damit näher an seine schweizer Heimat zieht. Oder Kim Voss-Fels, der Final-4-Teilnehmer mit dem Bergischen HC, der freimütig bekannte, eine „prägende Zeit“ in Hagen erlebt zu haben. Oder Max Öhler, der trotz der langwierigen Schulterverletzung auf „zwei sehr, sehr schöne Jahre in Hagen“ zurückblickte. Oder Maurice Paske, dessen Profi-Karriere in diesen Tagen am Ischeland endet. Sie alle wurden mit viel, viel Applaus und Herzlichkeit verabschiedet.

Und doch war das alles kein Vergleich mit dem sechsten und letzten Spieler in dieser Reihe, den Moderator Andreas Klement, Eintracht-Präsident Detlef Spruth und Geschäftsführer Joachim Muscheid ankündigten und verabschiedeten. Niclas Pieczkowski, „Hagener Junge“ und Europameister von 2016, beendet seine beeindruckende Laufbahn dort, wo sie quasi begonnen hatte: am Ischeland. Stehende Ovationen, ein emotional-beeindruckender Video-Zusammenschnitt mit Grüßen alter Weggefährten und auch einige Tränen in den Augen der Fans, bei „Pitsche“ und seiner Familie – die „gefühlt 55 Grad“ (O-Ton Niclas Pieczkowski) in der Ischelandhalle, sie waren kurz vergessen ob der sportlichen Lebensleistung eines Mannes, der in Hagen stets Identifikationsfigur, Vorbild, Leitwolf gewesen war und dem an diesem Tag ein Abschied zuteil wurde, wie er ihn verdient hatte. 

„Wenn ich diese beiden Stöpsel hier im Arm habe“, gab „Pitsche“ den Eintracht-Fans mit seinen Kindern zusammen auf den Weg, „dann möchte ich allen jungen Sportlern sagen: Wenn ihr einen Traum habt: Tut alles dafür, geht hinterher …“ Dann versagte dem Eintracht-Routinier ein Stück weit die Stimme und so manchem Fan wurden die Augen feucht angesichts der Tragweite des Moments. Gänsehaut bei tropischen Temperaturen. Das geht tatsächlich.

Und ja: Es wurde auch noch Handball gespielt an diesem letzten Sonntag im Mai. Die Eintracht startete stark, wollte vor toller Kulisse von 2034 Zuschauern die Abwehrleistung der Vorwoche in Balingen vergessen machen. Das gelang zunächst außerordentlich gut. 8:3 für die Grün-Gelben hieß es nach nicht einmal elf Minuten durch den Treffer von Linus Kutz. Lübecks Coach David Röhrig drückte zum ersten Mal den Buzzer und unterbrach mit dieser Maßnahme den Hagener Flow zur richtigen Zeit.

Die Norddeutschen taten fortan das, was sich ihr Coach von Beginn an gewünscht hatte: Sie schlossen nicht auf „Teufel komm raus“ ab, sondern ließen das Spielgerät besser fliegen. Beim 13:13 (Janik Schröder/23.) war die Partie wieder völlig offen, auch die 20:17-Pausenführung der Eintracht war gewiss kein Ruhekissen für die Gastgeber.

Und es blieb weiter eng in dieser temporeichen Auseinandersetzung, die beidseitig gut anzuschauen war, wenngleich bei derartig hoher Geschwindigkeit Fehler natürlich nicht ausblieben. Die Eintracht musste in den letzten zwölf Minuten auf ihren Kapitän Tilman Pröhl verzichten, der glatt Rot nach einem Gesichtstreffer gesehen hatte.

Doch weil die Grün-Gelben, angeführt von Pouya Norouzi und Pierre Busch, weiter mit viel Druck performten, blieb die Partie auf der Siegerstraße. Ein Norouzi-Kempa und Niclas Pieczkowskis letzter Treffer vor eigenem Publikum zum 34:30 setzten das Geschehen in der Schlussphase endgültig aufs richtige Gleis. 

Der Rest war gute Laune, Dankbarkeit und auch einiges an Wehmut in der „dritten Halbzeit“ zusammen mit den Fans und so manchem Freibier. 60 letzte Minuten – am nächsten Samstag in Potsdam – hat die Eintracht noch zu absolvieren. Dann sind 34 lange Spieltage vorbei. Spieltage mit Euphorie, Trauer, Ärger, Stolz und Emotionen, die in alle Richtungen gegangen sind. So wie an diesem Sonntagabend…


Eintracht: Bochmann (8 Paraden/24 Prozent), Wipf (2/29) – Pieczkowski (2), Jungemann (4), von Boenigk (5), Pröhl (1), Norouzi (8), Alves, Busch (10/6), Düren, Israel (3), Richter (2), Jukic, Kutz (2), Bökenkamp, Mielke
Lübeck: Conrad (1/10), Ferjan (7/21) – Schramm (1), Schrader (2), Speckmann, Refsgaard (1), Holpert (4), Benitez, Holzhacker (4/2), Cohen, Hartwig (3), Hagedorn (2), Nickelsen (8), Emdorf (3), Houmöller (3), Heinemann (2)
Schiedsrichter: Lukas Müller/Robert Müller (Neubrandenburg/Potsdam)
Zeitstrafen: Eintracht 2 plus Rote Karte gegen Tilman Pröhl (49.) wegen groben Foulspiels, Lübeck 4
Siebenmeter: Eintracht 6/6, Lübeck 2/4 (verworfen: Holzhacker/2)
Zuschauer: 2.034