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Rückblick: Zurück in der Erfolgsspur 1970

Obwohl sich der Hallenhandball ab den 1940er Jahren mehr und mehr auch in Deutschland ausbreitete, widmete sich der VfL Eintracht Hagen dieser Spielvariante zunächst eher zögerlich. Zwar hatte der Traditionsverein bereits mehrfach den Kreistitel in der Halle holen können und bei den ersten deutschen Hallenmeisterschaften im Februar 1949 mit dem fünften Platz geglänzt, doch die großen Erfolge auf dem Felde bremsten das Engagement in der Halle spürbar, ließen Hallenhandball über Jahrzehnte mehr eine Randaktivität bleiben. Zumal es lange Zeit auch an den notwendigen Hallenkapazitäten mangelte. Erst nach dem Zusammenschluss 1962 forcierten die Wehringhauser dieses Standbein zunehmend, ungeachtet der Tatsache, dass Feldhandball (zunächst) weiterhin oberste Priorität besaß.

Dies verlangte von den Aktiven eine enorme Flexibilität. Denn nicht nur der Untergrund war beim Feld- und Hallenhandball so verschieden, wie er kaum anders hätte sein können. So besaß die festgelegte Spielfläche im Freien mit einer Länge von 90 bis 110 Metern und einer Breite von 55 bis 65 Metern die Ausmaße eines Fußballfeldes, während die internationalen Abmessungen in der Halle auf ein Rechteck von 40 Meter Länge und 20 Meter Breite festgelegt waren (und sind). Und auch das Tor auf dem grünen Rasen war mehr als doppelt so groß, hatte die heute noch gültigen Fußballmaße (Höhe 2,44 Meter, Breite 7,32 Meter). Der Torraum erstreckte sich in einem Halbkreis mit elf Metern Entfernung von den Torpfosten, derweil diese Distanz auf dem Parkett auf vier Meter schrumpfte. Standen sich im Feld elf Spieler, die anfänglich nicht ausgewechselt werden durften und daher über eine entsprechende Kondition verfügen mussten, gegenüber, so wird in der Halle bekanntlich mit sechs Akteuren plus Torwart agiert, die beliebig häufig ein- oder ausgewechselt werden dürfen. Zudem enthielt das Feldhandball-Regelwerk in seiner ursprünglichen Ausprägung eine weitere Besonderheit: Die Abseitsregel. In genau 16,50 Meter vor dem Tor wurde parallel zur Torlinie der Abseitsraum markiert. Diesen durfte allein der Ball führende Spieler betreten. Für die Spieler bedeutete dies zwangsweise eine saisonal bedingte Umstellung sowohl in punkto Technik und Kondition als auch in taktischer Hinsicht. Dennoch stellten sich auch in der Halle schnell sehenswerte Erfolge ein.

Nach dem Aufstieg 1968 in der Halle in die neugeschaffene Südwestfalenliga, beendete der Neuling die Spielzeit 1968/69 mit einem beachtlichen zweiten Platz hinter TuS Ferndorf. Schon zwölf Monate später lieferten die Mannen um Trainer Hans Hentzsch dann ihr Meisterstück ab, verwiesen mit einem Punkt Vorsprung nach einem deutlichen 17:9 Sieg am allerletzten Spieltag beim Iserlohner Vorortclub TV Westig Verfolger SSV Hagen auf den zweiten Platz. Damit qualifizierte sich der frischgebackene südwestfälische Titelträger für die Oberliga-Aufstiegsrunde, wo sich mit Sachsenross Hille, TuRa Bergkamen und Teutonia Riemke drei weitere Teams um die zwei Aufstiegsplätze stritten. Doch auch diese Hürde meisterten Aßmann, Even, Menne, Lückel, Lobert, Scherf, Schneider, Rasel, Wilhelm, Tilgert, Nötzel, Kaminski sowie die Brüder Ralf und Gustl Wilke problemlos. In allen Hin- und Rückspielen wahrte die erfolgshungrige Mannschaft souverän ihre weiße Weste, stürmte mit 12:0 Punkten in die Oberliga.

Wer glaubte, der Aufstieg im Feld und in der Halle sei für den Traditionsverein nun ein Ruhekissen, der sollte sich getäuscht sehen. Statt sich auf den Lorbeeren der Vergangenheit auszuruhen, griff der VfL Eintracht schon in der nächsten Saison erneut nach den Sternen. Denn in der Feldsaison 1970 sorgten die Grüngelben nach dem Durchmarsch von der Verbandsliga in die Regionalliga auf Anhieb für Furore. In überlegener Manier wurde die ungemein konditions- und kampfstarke Elf um die bereits in der Halle bewährten Neuzugänge Hermann Aßmann (Halden-Herbeck), Peter Tilgert (Gevelsberg)und Ulrich Schneider (eigene Jugend) sowie dem Voerder Gerd Lotz mit stolzen 26:2 Punkten Meister der Gruppe Nord. Erst acht (!) Zähler dahinter folgte der Zweite, TUSEM Essen. Somit stand der VfL Eintracht Hagen zum ersten Mal nach neun Jahren wieder in der Endrunde um die Westdeutsche Meisterschaft, wo im Halbfinale der TV Urmitz wartete: „Das war ein Handball-Krimi, wie man ihn sich spannender und turbulenter kaum vorstellen kann. Viermal ging der VfL Eintracht in Führung – zweimal durch Lückel, dann Ralf Wilke mit Aufsetzer und Menne per Sprungwurf; und viermal glich Urmitz postwendend aus. Zwischendurch musste Gustl Wilke für 5 Minuten auf die Bank, konnte Menne einen Vierzehnmeter nicht unterbringen. Dann zog Urmitz durch Mohr auf … 6:4 davon. Sagenhafte Paraden Kaminskis verhinderten einen höheren Rückstand. Drei Treffer von Lückel, einer davon ”a la Weltmeisterschaft”, brachten den VfL erneut in Führung, Lückel erhöhte auch noch auf 9:6, während Feuerpfeil den TV Urmitz lediglich noch auf 9:7 heranbrachte”, schilderte die Westfälische Rundschau anschließend ihre Eindrücke vom ersten Aufeinandertreffen mit den Rheinländern, die dann im Rückspiel im Ischeland mit 19:10 nach Toren von Bernd Lückel (7), Klaus Menne (5), Ralf Wilke (3), Jürgen Lobert (2) und Gustl Wilke (1) abgefertigt wurden. Damit standen die Wehringhauser erstmals in der knapp 40-jährigen Geschichte der Handballabteilung im Endspiel um die Westdeutsche Meisterschaft; dessen Gewinner sich automatisch für die Aufstiegsrunde zur Bundesliga qualifizieren sollte.

Hier wartet mit dem bisherigen Ligakonkurrenten und letztjährigen Mitaufsteiger TuS Ferndorf ein alter Bekannter. Völlig überraschend zeigten die Hentzsch-Schützlinge dann im ersten Finale auf dem legendären Rosenkampfplatz Nerven gegen die Siegerländer: „Verschiedene Faktoren waren ausschlaggebend für Ferndorfs knappen, aber verdienten 14:11 Sieg … Ferndorf hatte den agileren, ausgeglicheneren, wurfstärkeren Sturm, eine lückenlose Deckung, die besseren Nerven. VFL Eintracht konnte während der ganzen 60 Minuten eine unverständliche Nervosität nicht ablegen, nur Lückel zeigte im Sturm seine Normalform, die Abwehrreihe vergaß ihre Stärke und verlegte sich dafür auf eine etwas zu raue Gangart, der letztendlich Tilgert zum Opfer fiel, indem er einen totalen Platzverweis wegen Nachschlagens hinnehmen musste … Und diese Schwächung eine Viertelstunde vor Schluss war einfach nicht zu verwinden”, lautet die ernüchternde Analyse in der Westfälischen Rundschau nach der schwachen Vorstellung der ambitionierten Hagener, die im Rückspiel sieben Tage später die Ärmel noch einmal hochkrempelten.

Vor der Rekordkulisse von 6.500 Zuschauern im Ischelandstadion bemühten sich Kaminski, Schneider, Scherf, Wilhelm, Lückel, Lobert, Bestvater, Lotz, die Wilke-Brüder und der vom VSF Gevelsberg unter der Woche gekommene Detlef Spruth verzweifelt den Drei-Tore-Rückstand wettzumachen. Die Siegerländer konnten zwar letztlich mit 12:10 hoch verdient bezwungen werden, doch am Ende trennte den VFL Eintracht ein mageres Törchen vom großen Wurf, der Westdeutschen Meisterschaft: „Besser waren die Ferndorfer… im Mannschaftsspiel, in der Besetzung des Torhüters und im Flirt mit Fortuna. Dem VfL Eintracht fehlte das Quäntchen Glück. Vor allem aber spielte der Sturm weit unter Form”, fand die Westfälische Rundschau in ihrer Nachbetrachtung vor allem für den zweifachen Torschützen Detlef Spruth, dem ein „sehr guter Einstand” bescheinigt wurde, lobende Worte.

Lobende Worte seitens der Presse gab es aber auch für die erstklassige Werbung in Sachen Feldhandball: „Mit solch herrlichen Spielen, die alles beinhalten, was den Feldhandball so interessant macht – Tempo, Technik und nervenkitzelnde Spannung – wird man auch diesen Sport noch lange sehen”, prophezeite die genannte Tageszeitung, vor dem Hintergrund, dass bundesweit die Ära des Feldhandballs allmählich auszuklingen drohte. Auch wenn diese überaus erfolgreiche Kapitel in der deutschen Sportgeschichte erst in einem halben Jahrzehnt endgültig beschlossen werden sollte.

Nach dem großen Erfolg mit dem Gewinn der westdeutschen Vizemeisterschaft zeigte sich die Eintracht auch in der Halle von ihrer besten Seite. Zwar mussten die Mannen um das Torwartgespann Hermann Assmann und Werner Thiel zum Auftakt der Spielzeit 1970/71 überraschend beim 15:15 gegen das spätere Kellerkind TuS Spenge einen Zähler lassen, zogen dann jedoch einsam an der Tabellenspitze ihre Kreise. Mit fünf Punkten Vorsprung auf Teutonia Riemke konnte der Westfalentitel vorzeitig an die Volme geholt werden. Dabei kassierten die Wehringhauser während der gesamten Hallensaison lediglich eine knappe 13:14 Niederlage gegen Verfolger Riemke und durften sich dann neben der Meisterschaft über den ersehnten Aufstieg in die Regionalliga freuen.

Spielführer Klaus Menne nimmt vor dem Spiel gegen TuS Ferndorf die Meisterblumen und Gratulationen vor der prall gefüllten Tribüne des Ischelandstadions entgegen.

Gustl Wilke, der den VfL Eintracht Hagen als Spielertrainer in die deutsche Endrunde führte, hatte großen Anteil am Aufschwung Ende der 60er und zu Beginn der 70er Jahre in der Halle und auf dem Feld.

Südwestfalenmeister 1970 hinten vl.: Bernd Rasel, Peter Tilgert, Uli Wilhelm, Klaus Menne, Ulrich Schneider, Bernd Lückel, Ralf Wilke, Jürgen Lobert, Trainer Heinz Hentzsch. Vorne v. l.: Ulrich Scherf, Hermann Assmann, Dieter Even und Gustl Wilke.

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