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Rückblick: Westdeutsche Meisterschaft krönt Supersaison

Mit dem abermaligen Aufstieg in der Halle sollte der kometenhafte Aufstieg des VfL Eintracht Hagen und die damit verbundene Rückkehr in die Belle Etage des deutschen Handballs keinesfalls beendet sein. Gezielt wurde die ohnehin starke Formation durch Wulf-Otto Nolte aus Westhofen, Martin Blank aus Witten und Torwart Hans Marker vom Lokalrivalen TuS 03 Hagen verstärkt. Entsprechend selbstbewusst hatte Trainer Hans Hentzsch den Sprung in die Bundesliga als Ziel für die Feldsaison 1971 ausgegeben. Und dass dies keinesfalls ein frommer Wunsch blieb, unterstrich bereits die Auftaktpartie gegen TUSEM Essen, die klar mit 15:9 gewonnen werden konnte. Eine Partie, die symptomatisch für den Saisonverlauf sein sollte. Denn abermals zogen die Wehringhauser als souveränen Meister der Regionalliga – mit fünf Zählern Vorsprung auf OSC Dortmund – in das Halbfinale um die Westdeutsche Meisterschaft ein.

Hier verschafften sich Bernd Lückel, Jürgen Lobert & Co mit einem 16:11 Erfolg beim Südzweiten MTV Dinslaken eine optimale Ausgangsposition, gingen mit einem beruhigenden Fünf-Tore-Polster in das Rückspiel am Ischeland, wo der Sieger abermals VfL Eintracht Hagen heißen sollte: „Überragend in der Abwehr war zweifelsohne Gerd Lotz, der durch seine ständige Aufmerksamkeit, durch einen schnellen Antritt und Spritzigkeit die MTV Angriffsbemühungen zunichte machte. Unauffälliger, aber fast ebenso wirksam, seine Nebenleute Rasel, Schneider, Gustav Wilke und Scherf. Durchschlagskräftigster Angreifer war einmal mehr Bernd Lückel, der … mit seinen Toren die rund 1300 Zuschauer immer wieder zu Beifall aufforderte”, hatte die Westfalenpost nach dem 18:15 Sieg im Rückspiel ihre Schlüsselfiguren ausgemacht, fand darüber hinaus auch lobende Worte für Wulf-Otto Nolte: „Der Halbstürmer zeigte sein wohl bisher bestes Spiel. Seine fünf Treffer, bei nur sechs Versuchen, sprechen eine deutliche Sprache”, hieß es weiter in der Nachbetrachtung. Dabei spiegelte das Resultat keinesfalls den Spielverlauf wieder. Denn nach Treffern von Lückel (7), Nolte (5), Lobert (3), Spruth, Blank und Wilke lagen die Hausherren vier Minuten vor dem Abpfiff bereits sicher mit 18:11 in Front, ehe Dinslaken in den Schlussminuten noch etwas Kosmetikkorrektur betreiben konnte.

Somit zog der VfL Eintracht Hagen zum zweiten Mal hintereinander in die Endspiele um die Westdeutsche Meisterschaft ein. Diese hatte auch der benachbarte OSC Dortmund durch einen 10:6 Sieg in Urmitz erreicht. Gerade die Bierstädter hatten sich in der zurückliegenden Punktserie als unbequemer Gegner erwiesen, hatten den Grüngelben mit 8:11 die einzige Saisonniederlage beigebracht und beim dünnen 10:9 Sieg von Klaus Menne & Co heftigen Widerstand geleistet. Dennoch lastete nach dem souveränen Erfolg über Dinslaken die Favoritenbürde auf den Volmestädtern. Eine Erwartungshaltung, der die Hentzsch-Schützlinge durchaus gerecht werden sollten. Vor 2.700 Zuschauer im Ischeland-Stadion wurde der OSC im ersten Finale am 25. Juli 1971 mit 15:10 nach Toren von Lückel (9), Menne (2), Nolte (2), Spruth und Wilke auf Distanz gehalten. „Dieser Vorsprung müsste reichen” mutmaßte die Westfalenpost nach dem überzeugenden Auftritt des VfL Eintracht.

„Spannender und dramatischer kann ein Endspiel wohl kaum sein… Zunächst sah es ganz so aus, als wenn keiner Einheit ein Davonziehen möglich wäre. Doch dann steigerte sich der Gastgeber noch einmal. In den letzten 10 Minuten gelang fast alles, während die Dortmunder scheinbar kraft- und mutlos große Chancen vergaben … Es war keine berauschende Begegnung, dafür stand einfach zuviel auf dem Spiel … Für den VfL Eintracht, der in Lückel, Nolte, Scherf und auch Marker seine besten Leute hatte, sollte dieser Vorsprung … reichen”, hieß es weiter in der Nachbetrachtung der Westfalenpost.

Mit dem beruhigenden Fünf-Tore-Polster im Rücken reisten die Hagener am 1. August 1971 zum Rückspiel auf den Ascheplatz des Dortmunder Goystadions. Vor den surrenden Kameras des WDR-Regionalfernsehens stellte der VfL Eintracht mit einer alles überragenden Torwart Hans Marker vorzeitig die Weichen auf Sieg, gestattete den Gastgebern im ersten Durchgang (8:2) bei 16 Wurfversuchen ganz zwei(!) Treffer: „Hagens Schlussmann begeisterte nicht nur die zahlreichen Hagener Zuschauer; auch der Dortmunder Anhang erfreute sich an seinen glänzenden Paraden, wofür er oft Sonderapplaus erhielt. Sein Gegenüber, Hagenfeld, versuchte es ihm gleichzutun; doch gegen Lückels Bomben war er einfach machtlos. Sechs seiner kraftvollen, zum Teil auch raffinierten Bälle musste er allein in der ersten Halbzeit passieren lassen. Es wollte den OSC-Verteidigern einfach nicht gelingen, diesen in Superform spielenden Mittelstürmer zu bremsen”, bilanzierte tags darauf die Westfälische Rundschau.

Begeistert feierten 3.000 Zuschauer in Hörde diese Sternstunde des Wehringhauser Traditionsvereins, die überglücklichen Spieler trugen den Vater des Erfolges, Trainer Hans Hentzsch, bei der anschließenden Ehrenrunde auf den Schultern. Und an der Volme wurde dem frischgebackenen Westdeutschen Meister um Marker, Kaminski, Schneider, Scherf, Tilgert, G. Wilke, Blank, Spruth, Lückel, Lobert, Menne, Nolte, R. Wilke, Lotz und Rasel ein unvergesslicher Empfang auf dem Wilhelmsplatz bereitet. Unter den Klängen des Fanfarenzuges Blau-Weiß Haspe ging es über die abgesperrte Lange Straße vorbei an der jubelnden Wehringhauser Bevölkerung in das Vereinshaus bei Ernst Schmitz, wo die „Helden von Dortmund” verständlicherweise die Nacht zum Tage machten.

Viel Zeit zum Feiern blieb der ruhmreichen Elf jedoch nicht. Denn schon am 15. August 1971 stand das erste Qualifikationsspiel zur Bundesliga in Berlin auf dem Programm. Überraschend erklärte der Berliner Titelträger jedoch den Verzicht, so dass die Entscheidung um den Sprung in das nationale Oberhaus zwischen dem VfL Eintracht Hagen und Namensvetter Eintracht Hohn fallen musste. Nach dem Gewinn der Westdeutschen Meisterschaft empfingen die Volmestädter am 29. August mit einer gehörigen Portion Optimismus den Nordmeister in der Kampfbahn Boelerheide. In der ausverkauften Arena stießen die Hausherren das Tor zur Bundesliga ganz weit auf, demonstrierten beim deutlichen 17:10 Kantersieg ihre Extraklasse.

„3.500 Zuschauer erlebten einen in allen Belangen haushoch überlegenen Gastgeber, während bei den Norddeutschen eigentlich nur Petersen angenehm auffiel und fünf Tore erzielen konnte. Dreller, als B-Nationalspieler mit viel Vorschußlorbeeren bedacht, fiel nur durch sein großes Mundwerk auf, ohne dass er spielerisch gegen Lotz und Wilke bestehen konnte”, resümierte die Westfalenpost, verwies zudem auf einen wohl entscheidenden taktischen Fehler: „Dau sollte Lückel in Manndeckung nehmen. Eine Fehlspekulation sondergleichen. Denn Bernd störte das gar nicht. Sieben Tore erzielte er selbst. Und durch sein Ausweichen an die Auslinie … schaffte er viel Spielraum für die Kameraden… Dass die Zuschauer dennoch zufrieden den Platz verließen, lag an der Klasseleistung des VFL. Angefangen von Torwart Marker, der famos hielt und sogar einen Strafstoß ”tötete”, über die Deckung mit Schneider, Scherf, Tilgert, Wilke und Lotz bis hin zu den Stürmern Blank, Nolte, Spruth, Menne, Lobert und dem alles überragenden Lückel war die Mannschaft topfit bis in den letzten Nerv.”

Mit der Gewissheit, schon mit einem Unentschieden das große Ziel erreicht zu haben, reisten die Hagener sechs Tage später nach Norddeutschland. Ungeachtet der katastrophalen Platzverhältnisse in Hohn ließ die Grüngelben auch vor den Toren von Rendsburg nichts anbrennen, feierten nach einem hochverdienten 16:13 Sieg den lang ersehnten Aufstieg in die Bundesliga. Der größte Erfolg in der Vereinsgeschichte war perfekt. Dabei hatten die Eintrachtler vor der spärlichen Kulisse von 750 Zuschauern (darunter mehr als einhundert Hagener) mit einem 4:0 Blitzstart nach Toren von Lückel (3) und Menne das Heft von Beginn an in die Hand genommen. Beim Stande von 8:8 wurden schließlich die Seite gewechselt, doch mit einem energischen Zwischenspurt zog der amtierende Westdeutsche Meister über 11:9 zum vor entscheidenden 14:10 davon.

„Eintracht Hagen Bundesligist” titelte die Deutsche Presseagentur (DPA) ihre Meldung, die mit folgendem Wortlaut in die Zeitungsredaktionen von Rendsburg bis München, von Aachen bis Berlin geschickt wurde: „Der VfL Eintracht Hagen hat es geschafft: Die Westfalen steigen in die Feldhandball-Bundesliga auf. Nach dem 17:10 Sieg auf eigenem Platz, gewannen die Hagener in Hohn auch das Rückspiel beim norddeutschen Titelträger Eintracht Hohn mit 16:13 (8:8). Vor 750 Zuschauern setzte sich die junge Hagener Mannschaft verdient durch, weil sie vor allem im Sturm weitaus gefährlicher als der Ex-Bundesligist aus Schleswig-Holstein war.”

Ähnlich bewertete die Westfälische Rundschau die Geschehnisse in Norddeutschland: „Schwerer als erwartet hatte es der VFL Eintracht Hagen beim Rückspiel … Gastgeber SV Eintracht Hohn war auf eigenem Platz der erwartet schwere Gegner, der erst im letzten Drittel der zweiten Spielhälfte niedergerungen werden konnte. Da setzte sich einmal wieder das taktische Konzept von Trainer Hentzsch, die bessere Kondition und der unbedingte Siegeswille der 13 Aktiven durch.”

Hatte die Mannschaft ihre Fahrt nach Hohn mit dem Zug angetreten, so bereitete die Hagener Bevölkerung dem Bundesliga-Aufsteiger bei der Rückkehr an die Volme im wahrsten Sinne des Wortes einen großen Bahnhof. In offenen Wagen wurde die ruhmreiche Hentzsch-Elf durch Wehringhausen kutschiert.

Ralf Wilke war als Spieler, Trainer, Funktionär an (nahezu) allen Erfolgen der letzten 60 Jahren maßgeblich beteiligt.

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