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Rückblick von Ralf Wilke: Das Schuhwerk im Handballsport

Welches Schuhwerk wurde eigentlich in den Gründerjahren des Handballsport getragen? – Ralf Wilke blickt zurück in das vergangene Jahrhundert:

Die Pioniere des Handballsports trugen mindestens bis Kriegsende im Jahr 1945 ausschließlich Fußballschuhe mit Ledersohlen. Die Schuhe wurden auf einen so genannten Dreifuß gespannt und danach die Lederstollen einzeln in die Schuhe getrieben. So kam es gar nicht einmal so selten vor, dass sich die Nägel während eines Spiels durchdrückten – ein äußerst schmerzhaftes Unterfangen für die Aktiven, die ein Spiel so häufig mit blutigen Fußsohlen beendeten.

Wir Kinder suchten nach dem Spiel den Platz nach verloren gegangenen Lederstollen ab, die in dieser Zeit Mangelware waren. Jeder Handballer war dementsprechend froh, einige dieser Stollen in Reserve zu haben.

In vielen Familien gehörte der oben erwähnte Dreifuß zum festen Repertoire des Familienvaters. Reparaturen wurden vom Vater oder Onkel regelmäßig selbst durchgeführt. Aber die professionellen Hersteller schliefen nicht. Die Firma Vorwerk war es, die als erste so genannte Zwillingsstollen aus Hartgummi auf den Markt brachte. Unter jeden Schuh mussten aber auch jetzt noch drei dieser Stollen, die eine unterschiedliche Breite aufwiesen, von Hand vernagelt werden.

Zu Beginn der 1950er-Jahre brachte die Firma Adidas die ersten Fußballschuhe mit Schraubstollen auf den Markt. Man konnte wählen, ob – je nach Beschaffenheit des Bodens – Stollen mit einer Länge von 16 Millimetern, 18 Millimetern oder 20 Millimetern verschraubt werden sollten. Erst später legte sich der Handballverband in seinem Regelwerk auf eine Stollenlänge von 16 Millimetern fest.

Hierzu existiert eine Begebenheit, die ich bis heute nicht vergessen habe: In der Feldhandball-Saison 1964 spielte unsere 1. Mannschaft in der Westfälischen Oberliga, zu diesem Zeitpunkt die höchste nationale Spielklasse. Die Heimspiele wurden auf dem Waldlustsportplatz ausgetragen, Anwurf war immer sonntagmorgens um 11 Uhr.

In genannter Saison hütete Lothar Noetzel das Tor. Er war ein Könner seines Fachs und verfügte über eine fast schon unglaubliche Sprungkraft. An diesem Sonntagmittag hatte der angesetzte Schiedsrichter wohl eine Eingebung. Der Unparteiische kam während der Aufwärmphase mit einem Maßband auf Lothar Noetzel zu, Lothar musste seine Füße heben – und die Stollen wurden nachgemessen. Und tatsächlich: Die Stollen waren zu lange, es wurden 18 Millimeter gemessen. Lothar wurde verwarnt und musste seine Schuhe umgehend ausziehen. Jetzt war guter Rat teuer.

Da zu dieser Zeit immer nur ein Torhüter auf dem Spielbericht eingetragen war, konnte ein Wechsel nicht stattfinden. Schnell wurden von den Akteuren, die das Vorspiel bestritten hatten, passende Schuhe gesucht, und die Partie konnte mit rund 15-minütiger Verspätung doch noch angepfiffen werden. Ich weiß es nicht mehr genau, aber Lothars Fehlverhalten hat ihn am Ende mindestens zwei Kisten Bier gekostet…

In den 1960er-Jahren begann auch die Zeit, in der spezielles Schuhwerk nur für den Handballsport angefertigt wurde. Wieder war die Firma Adidas der Vorreiter. Fortan hatten die Spieler meist ein zweites Paar Schuhe im Schrank. Auf Aschenplätzen wurde mit reiner Noppensohle gespielt, auf Rasen wählte man die passenden Schraubstollen. Augenscheinlich war, dass das Schuhwerk im Laufe der Zeit immer leichter wurde. Ein Wandel, den die Pioniere in den 1920er-Jahre nicht für möglich gehalten hätten…

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