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Rückblick: Zerplatzte Bundesligaträume 91/92

Nochmals buchstäblich in letzter Minute mit einem blauen Auge davongekommen, stellte der VfL Eintracht Hagen dann frühzeitig die Weichen für die Saison 1991/92. Der Nerven zerrende Abstiegskampf sollte sich keinesfalls wiederholen. Detlef Matthäi schloss sich der HSG Hemer-Sundwig, Olaf Mast zog es zu Bayer Dormagen und auch Publikumsliebling Jonas Kautschicas brach nach zwei Jahren seine Zelte an der Volme ab, um als Spielertrainer nach Lennestadt zu wechseln. Zudem gingen Stefan Eckhardt und Frank Pauleck „im Paket” zum Wuppertaler SV, Torwart-As Andreas Brenken unterschrieb etwas unerwartet einen Vertrag in Hürth und Ersatzkeeper Peter Fischer beendete seine aktive Laufbahn. Michael Lohrmann trat – wie bereits Mitte der abgelaufenen Spielzeit angekündigt – in die Fußstapfen von Trainer Andreas Osebold und brachte quasi „im Handgepäck” Kreisläufer Martin Wrobel von seinem alten Verein Teutonia Riemke mit. Außerdem konnte Handballobmann Siggi Eckhardt den Bundesliga erfahrenen Hans-Jörg Lewe vom DSC Wanne-Eickel, den 2,14 Meterriesen Mark Dragunski aus Suderwich sowie die Torhüter Thorsten Neugebauer aus Letmathe und Thorsten Friedrich aus Berlin unter Vertrag nehmen. Zusätzlich rückten aus der eigenen Reserve Michael Feldmann, Ralph Kensmann und Volker von Oepen in den Zweitligakader.

Den spektakulärsten Coup aber landeten der Traditionsverein aus Wehringhausen mit der Verpflichtung des CSSR-Auswahlspielers und mehrfachen WM-Teilnehmers Roman Becvar. Ein absoluter Glücksgriff wie sich schon bald herausstellte. Der Rückraum-Spieler von Dukla Prag, der auf Anhieb zum neuer Publikumsliebling avancierte, entpuppte sich nicht nur als gefährlicher Angreifer, sondern auch als unermüdlicher Antreiber und Ideengeber des VfL Eintracht.

„Vor einem Neubeginn steht Eintracht Hagen. Leistungsträger gingen, zahlreiche neue Spieler kamen hinzu. Kein Wunder, wenn der neue Trainer Michael Lohrmann keine hohen Ziele steckt: „Wir wollen die 2. Liga erhalten, ich hoffe aber auf eine steigende Tendenz”, schrieb das Fachorgan Handballwoche im Vorfeld der Saison, die im Zeichen einer beschlossenen Neugliederung stand. Denn die bisherigen drei Zweitligastaffeln sollen am Ende des Spieljahres auf zwei Gruppen reduziert werden. Was automatisch bedeutete, dass rund ein Viertel aller Mannschaften den Weg in die Drittklassigkeit antreten werden müssen.

Unter diesen Vorzeichen steckte auch die Westfalenpost den Erwartungshorizont eher vorsichtig ab: „Beim Handball-Zweitligisten VfL Eintracht Hagen sind leise Töne eingekehrt. Das liegt nicht am mangelnden Selbstbewusstsein, sondern daran, dass die neue Mannschaft andere Charaktere aufweist. Ruhigere Leute eben. Dazu gehört auch Trainer Michael Lohrmann, der das Kunststück fertiggebracht hat, aus einer Deckung, die sich wie ein löchriger Käse präsentierte, eine Abwehr aus Beton geformt hat”, hieß es mit Blick auf die guten Testspielresultate.

Doch die vermeintlichen Underdogs aus der Volmestadt um den neuen Spielmacher Roman Becvar, der mit 24 Jahren bereits 70 Länderspiele auf dem Buckel hatte, straften alle Skeptiker Lügen. Zum Saisonauftakt wurde HG 85 Köthen mit 29:8 deklassiert und LTV Wuppertal in eigener Halle 20:16 bezwungen. Zwar folgten Niederlagen gegen Bayer Leverkusen (18:20) und TSV Dutenhofen (15:16) sowie später gegen TV Emsdetten (28:31) und im vorgezogenen Rückrundenspiel gegen Dutenhofen (20:27), doch zum Ende der ersten Halbserie hatten sich die „Lohrmänner” nach einem 29:23 Sieg beim SV Hermsdorf mit 20:8 Zählern überraschend auf den vierten Tabellenplatz vorgeschoben.

Diesen sollte die Eintrachtler als Sprungbrett für einen weiteren bemerkenswerten Höhenflug nutzen. Mit einem hart umkämpften 23:22 Erfolg in der „Höhle des Löwen”, beim Tabellenführer OSC Rheinhausen, zogen die Mannen um die Torschützen Roman Becvar (9/6), Volker Lippe (5/1), Michael Altenbeck (4), Frank Kleinschmidt (4), Ralph Kensmann (1) und den überragenden Torwart Thomas Neugebauer drei Spieltage vor Abschluss der Punktrunde mit dem Spitzenreiter gleich. Und auch die letzten Stolpersteine auf dem Weg in die – im Vorfeld der Saison noch nicht mal ins Auge gefasste – Bundesliga-Aufstiegsrunde wurden scheinbar mühelos aus dem Weg geräumt: TV Hüttenberg unterliegt am Ischeland 21:27, SV Bernburg hat mit 16:23 das Nachsehen und zum großen Finale wurde SV Hermsdorf mit sage und schreibe 35:13 förmlich aus der Halle gefegt. Damit verwiesen die Hagener als Meister der 2. Bundesliga Gruppe Mitte den punktgleichen TSV Dutenhofen mit 41:11 Zählern und 661:523 Toren mit einem denkbar dünnen Vorsprung von zwei (!) Treffern auf den zweiten Platz, der Dutenhofen jedoch ebenfalls zur Teilnahme an der Play-Off-Runde berechtigte.

„Zweimal hatten die Handballer des VfL Eintracht Hagen bereits um den Aufstieg in die Eliteklasse gespielt. Leverkusen und Rheinhausen waren in den 1970er Jahren nach Hin- und Rückkampf nur um ein Törchen besser. Dennoch dürfen VfL-Obmann Siggi Eckhardt und seine Mitstreiter den… Titelgewinn mit Fug und Recht als größten Erfolg in der Hagener Hallenhandball-Geschichte bezeichnen. Denn eine 2. Liga, die nicht nur sportlich, sondern auch wirtschaftlich höhere Ansprüche stellt als früher die Regionalliga, gab es damals noch nicht. Finanziell sind die Eintrachtler nicht auf Rosen gebettet, die Halle in der sie spielen, ist für Spitzenhandball viel zu klein. Bewundernswert, dass die Wehringhauser trotz dieser Handicaps den Titel an die Volme geholt haben. Das war mehr als die Pflicht. Jetzt beginnt die Kür”, schwärmte die Westfalenpost in ihrer Ausgabe am 1. März 1992.

Wie schwer der Sprung ins nationale Handball-Oberhaus werden würde, verdeutlichte im Vorfeld der Play-Off-Runde die Tatsache, dass die insgesamt zehn qualifizierten Mannschaften um lediglich zwei Aufstiegsplätze für die Bundesliga streiten mussten. So standen sich in der Gruppe A der TSV Dutenhofen, SG Flensburg-Handewitt, SG Stuttgart-Scharnhausen, VfL Bad Schwartau und THSV Eisenach gegenüber, während in der Gruppe B der VfL Eintracht auf Namensvetter Eintracht Wiesbaden, TuS Nettelstedt, SC Leipzig, und HC Empor Rostock traf.

„Der Ausgang der an diesem Mittwoch beginnenden Relegationsrunde scheint völlig offen. Zwar wird den vier beteiligten Bundesligisten die größere Erfahrung beigemessen, doch auch die sechs Zweitligisten sind im Handballgeschäft keine unbekannten Größen … Mit Nettelstedt und Leipzig treffen in der Gruppe B zwei ehemalige Europapokalsieger aufeinander. Rostock geht nach der guten Rückrundenserie nicht ohne Chance ins Rennen”, hatte das Fachorgan Handballwoche die Wehringhauser in ihrem Ausblick nicht auf der Rechnung. Wohl aber die Fans. Denn binnen weniger Tage waren sämtliche Karten für die Heimspiele in der Ischelandhalle vergriffen.

Und die „Lohrmänner” erwischten am 18. März 1992 vor 1.400 Zuschauern in der restlos ausverkauften Ischelandhalle einen optimalen Start in die Aufstiegsrunde, bezwangen mit Torwart Thorsten Friedrich als großem Rückhalt und dem überaus torgefährlichen Quartett Frank Kleinschmidt (7), Michael Altenbeck (6), Roman Becvar (6/2) und Volker Lippe (5/1) den Namensvetter aus Wiesbaden um den 175-fachen Nationalspieler Manfred Freisler (2) verdient 26:23. Die Ernüchterung folgte dann drei Tage später beim 25:29 gegen Erstligist SC Leipzig. Und auch in eigener Halle hatten die VfLer, deren tragende Säule mit sieben Toren erneut Frank Kleinschmidt war, denkbar unglücklich mit 20:21 gegen Rostock das Nachsehen. Als die Hagener schließlich noch mit 24:31 beim TuS Nettelstedt baden gingen, war die Bundesliga bereits wieder in weite Ferne gerückt. Und spätestens nach der unglücklichen 17:18 Niederlage zum Rückrundenauftakt bei Eintracht Wiesbaden waren die Aufstiegshoffnungen allenfalls noch theoretischer Natur.

Mit 2:8 Punkten zierten die „Lohrmänner” abgeschlagen das Tabellenende. Dennoch verkauft sich die Eintracht in den übrigen drei Begegnungen teuer, bezwangen den Bundeligneunten SC Leipzig vor eigenem Publikum 23:19. Beim 15:16 gegen den späteren Meister und Aufsteiger HC Empor Rostock fehlte dann abermals das kleine Quäntchen Glück. Zum Saisonkehraus leisteten die Wehringhauser dem Spitzenreiter von der Ostsee dann noch einmal wertvolle Schützenhilfe, ertrotzten in einem wahren Handballkrimi ein 24:24 gegen TuS Nettelstedt, der mit 5:11 Punkten den vierten Platz in der Aufstiegsrunde bedeutete.

„Der letzte Auftritt des Handball-Zweitligisten VfL Eintracht Hagen dokumentierte noch einmal, wie dicht im Sport Glück und Pech, Erfolg und Misserfolg zusammen liegen. Sekunden vor Schluss sah es danach aus, als müssten die Eintrachtler auch im letzten Aufstiegsrundenspiel um einen Treffer geschlagen vom Feld gehen. Dann setzte Roman Becvar einen Gewaltwurf in die Tor-Maschen… Die Fans bewiesen Sachverstand, feierten die Lohrmann-Schützlinge wie nach einem Sieg. Das hatten Altenbeck, Lippe, Kleinschmidt und Co. auch verdient. Denn was sie in dieser Saison leisteten, überstieg die Erwartungen kühnster Optimisten. Natürlich war sogar noch mehr drin… Offenbar hatten die Eintrachtler aber das Glück, das ihnen zuletzt manchmal fehlte, in der normalen Spielrunde schon aufgebraucht”, lautete das Fazit der Westfalenpost im Anschluss an eine begeisternde Saison, deren eigentliche Krönung dem Zweitligameister letztlich versagt bleiben sollte.

Michael Altenbeck: Michael „Schere“ Altenbeck triumphierte später mit dem TuS Nettelstedt sogar auf europäischer Ebene.

Publikumsliebling sowie Denker und Lenker der Zweitligahandballer in den 90er Jahren. Roman Becvar.

Waren lange die Korsettstangen im Team des VfL Eintracht Hagen in der 2. Bundesliga (vl.) Michael Altenbeck, Volker Lippe und Roman Becvar.

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